MASTERY - 425M LONGLINE EUROPAREKORD

Es ist nicht nur ein neuer Rekord für mich, es ist ein Traum an den ich bereits vor Jahren begonnen habe zu glauben. Die Schwierigkeit bei Longlinen liegt nicht nur in darin die Slackline zu laufen, sondern viel mehr sind es die Umstände, die entscheiden ob man ein Potential als Slackliner ausschöpfen kann, oder nicht. Für mich war es nicht nur eine ethische Frage, die mich dazu brachte über die letzten Jahre immer nur Longline Rekorde auf Polyester Bändern aufzustellen.

Es war auch einfach die einzige Möglichkeit mein Limit auszureizen, da es nicht so einfach ist an die neuen Hightech Bänder heran zu kommen. Um es kurz zu machen liegt die Schwierigkeit zu aller erst mal darin ein lang genuges Band aufzutreiben. Dafür braucht man Sponsoren, oder sehr viel Geld. Leider steht Longlinen nicht so hoch im Kurs, dass einem die Sponsoren ihr Geld hinterherwerfen würden, also musste ich nehmen was kam und daraus Gold machen. Als ich nun die Chance erhielt ein reines Dyneema Band zu kaufen, zögerte ich nicht mehr so lange. Es war eine Chance die man am Schopf ergreifen musste und das tat ich. Als nächstes musst du einen Spot finden an dem es möglich ist eine so lange Line aufzubauen, auch das ist oft ein entscheidender Faktor der oft viel Zeit verschlingt und oft zu eher frustrierenden Gesprächen mit den Eigentümern führt. Aber selbst wenn du das Band und den Spot in der Tasche hast ist noch längst nicht alles klar. Denn das Wetter hat auch noch ein kräftiges Wort mitzureden. Wind, Kälte, Regen, Schnee, all das kann die Begehung unmöglich machen. Nun war es noch so, dass mein Zeitfenster ehr begrenzt war. Meine Abreise nach Frankreich, wo ich die kommenden Monate verbringen wollte, stand unmittelbar bevor und es war Anfang Januar. Eine Zeit in der es die Bedingungen in Deutschland normalerweise unmöglich machen eine derart lange Slackline aufzubauen und zu begehen. Dieses eine Mal kam uns die Klimaerwärmung und das verrückte Wetter entgegen und ich konnte mich gar nicht genug freuen, als es Anfang Januar beinahe 10°C bekam. Nichts als los! Der große Unterschied zu all meinen früheren Longline Projekten war dieses Mal, dass ich sehr sehr zuversichtlich war! Das Band war unfassbar leicht und ich hatte die selbe Line bereits vor 2 Jahren einmal auf gespannt und war bereits damals fähig fast bis zur Mitte zu laufen. ich dachte also ich muss mir die Begehung nur noch abholen. Es kam dann anders. Es war nicht im Mindesten so einfach wie erwartet und am ersten Tag schaffte ich keinen einzigen ernsthaften Versuch. Obwohl ich mich in den Wochen vorher eigentlich gut vorbereitet hatte, wollte es einfach nicht funktionieren. Julian hatte gegen Ende des ersten Tages einen unfassbar guten Run und stürzte erst ca. 30m vor dem Ende der Line. Der Nebel der während seiner Begehung aufgezogen war hatte die Sicht auf weniger als 50m verringert und für mich war es völlig unmöglich geworden noch mal auf die Line zu steigen. Wir bauten ab und hofften das Wetter würde uns noch eine zweite Chance geben, bevor ich nach Frankreich aufbrechen musste. Kurz vor der Abreise ergab sich diese Chance und wir trafen uns erneut. Der Aufbau ging schnell und routiniert, mein erster Versuch endete allerdings wieder vor der Mitte. Julian schwang sich auf die Line und fing an zu laufen. 45 Minuten später stand ich am anderen baum und konnte meinen Augen nicht trauen also ich sah wie Julian seine letzten Schritte zum Baum machte. Wir jubelten gemeinsam und ich freute mich ehrlich für ihn, aber gleichzeitig war es sehr hart für mich, der ich so viel investiert hatte und anfangs so selbstsicher war. Als bei meinem nächsten Versuch Wolken und Wind aufzogen und es auch noch anfing zu hageln und zu schneien, war ich am Ende. ich stürzte völlig durchnässt in der Mitte von der Line und wollte nicht mal mehr wieder aufsteigen. Julian und Christian warteten am baum auf mich und wussten beide, dass ich ein bisschen Zeit für mich brauchte. Gegen Abend stoppte das schlechte Wetter und kurz vor Sonnenuntergang schlüpfte die Sonne sogar noch mal hinter den Wolken hervor. "Jetzt oder nie" dachte ich mir und schwang mich ein letztes Mal auf die Line. Es fühlte sich nicht anders an als bisher, ich hatte bei jedem Schritt zu kämpfen und war verbissen. Es fühlte sich in keiner Weise locker an, bis ich die Mitte erreichte und mir die Sonne so ins Gesicht schien, dass sie mir fast die gesamte Sicht nahm. Ich fluchte, kämpfte härter und plötzlich begann ich zu grinsen. Warum ich das alles auf mich nahm wurde mir just in dem Moment klar in dem ich kurz davor war zu fallen. Ich tat das alles um einen einzigartigen und unauslöschlichen Moment zu erleben und beim Longlinen konnte dieser "Moment" bis zu 45 Minuten anhalten, etwas unvergleichbares für mich. Ich schöpfte neuen Mut und meine Muskeln entspannten sich, ich begann wieder tief und regelmäßig zu atmen. Es fällt mir wirklich schwer dieses gefüh zu beschreiben, aber den Besten Ausdruck den ich bisher finden konnte ist ein "Locked in" Gefühl. Bei all meinen Grenzgängen auf der Slackline, gab es diesen Punkt ab dem ich 100% überzeugt war nicht mehr fallen zu können. Und auch dieses Mal kam dieses Gefühl völligst aus dem Nichts. Wenig später schloss ich den Baum in meine Arme und ließ all die Spannung mit einem langen Schrei entweichen. Auch dieses Mal hatte ich es geschafft und dieses Mal konnte ich den Erfolg und die Freude sogar teilen! Mit Julian der die Line sogar vor mir laufen konnte und mit Christian, der uns wie so oft schon mit der Kamera begleitete. Danke an euch Jungs, ohne die dieses Abenteuer niemals möglich gewesen wäre.