Cap Canaille - 350m über dem Meer

Der Mai sollte eigentlich bereits ein Sommermonat sein in Frankreich. Aber da das Wetter ja die vergangenen Wochen überall verrückt spielte blieb das in Marseille leider auch nicht aus. So wurden wir Anfang des Monats durch viel Regen und Gewitter geplagt, dann kam der Wind und blieb für über eine Woche bei 100km/h und mehr. Bei solchen Windgeschwindigkeiten ist der Zugang zu den Calanques und de Küstenstraßen in Frankreich meist gesperrt und man würde ohnehin nicht zum Slacklinen kommen.

Nichts desto trotz habe ich im Mai ein ganz besonderes Juwel finden können. Cap Canaille heißt das höchste Seekliff Südfrankreichs und ist über Cassis nur schlappe 20 km von meiner Heimat in Marseille entfernt. Die Aussicht auf das Meer, die Hafenstadt Cassis und ihre Buchten und auch auf die Calanques ist auf der über 350m hohen Klippe atemberaubend. Als ich das erste mal dort am Kliff entlang lief und nach Highlinespots Ausschau hielt, fand ich zwei mögliche Plätze. Einen wunderschönen 25m langen und einen eher waghalsig aussehenden 60m Spot. Ich war richtig baff. War ich nur wenige Wochen davor in Verdon gewesen und hatte geglaubt dass es nicht mehr besser wird. Cap Canaille ist fast genauso Hoch wie Verdon nur der Ausblick ist um vieles besser!

Nun kam die Ernüchterung, als ich mit dem Hammer den Fels abklopfte und ich erst mal nichts als hohle Platten fand. Sollte ein derart gigantischer Highline Spot auf Grund des schlechten Felsen nicht machbar sein? Nach längerem Suchen fand ich dann aber auf großer Fläche verstreut schon ein paar passable Plätze um Haken zu setzen. Da das Gebiet sehr beliebt bei Touristen ist und ich kein großes Aufsehen erregen wollte bohrten wir dann Morgens knapp nach Sonnenaufgang an einem eher verregneten Tag. Viele Haken setzten wir eh nicht und auch der Aufbau der 25m langen Line ging ziemlich schnell. Waren Cassis und das etwa 350m tiefer liegende Meer am Morgen noch gerade so zu sehen gewesen, verschlechterte sich das Wetter nun von Minute zu Minute. Als ich endlich auf die Line steigen wollte kam noch Platzregen hinzu und die Wolken hingen so tief, dass man den lediglich 25m weit entfernten Fixpunkt oft gar nicht mehr sehen konnte. Ich konnte die Line zwar trotz aller Umstände laufen aber in den Genuß der Exponiertheit und des Weitblicks kamen wir nicht. David sagte nur trocken: „ Hätten wir jetz genauso gut am Boden aufbauen können die Line!“

Da der Regen und Wind nicht schwächer wurde ging es bald zurück ins Auto und die Line blieb im Regen zurück. Morgen ist auch noch ein Tag! Am darauf folgenden Morgen wurden wir dann tatsächlich wieder von blauem Himmel über Marseille geweckt und starteten voller Tatendrang nach Cassis. Oben angekommen mussten wir feststellen, dass zwar der Ausblick heute besser war, aber dafür auch der Wind wieder um einiges zugelegt hatte. So wurde die zwar nur 25m lange Line in den enormen Aufwinden eine echte Herausforderung. Witzig war wirklich, dass man neben der Line im T-Shirt stehen konnte und sobald man den Kopf über die Klippe steckte einem fast die Nase abfror. Der Ausblick auf das 350m tiefere Meer und die über 100m steil abfallende Felswand unter einem entschädigte dann aber doch sehr gut all die Strapazen dieses Projekts. Der Name der Line stand eigentlich schon fest, seit dem ich den Spot entdeckt hatte. „Plus belle la vie“. Nach der berühmten französischen Soap. Zu deutsch würde man das vielleicht mit „umso schöner das Leben“ übersetzen. Nur musste ich ihn dann nach den Erfahrungen etwas abändern und so heißt die Line nun „Pluie belle la vie“.

Ein paar Tage später, nachdem der Wind wieder auf ein erträgliches maß gesunken war konnten wir dann zurück kehren und auch noch die 60m Line in Angriff nehmen! Etwas weiter Landeinwärts gelegen hatte man hier mehr Landblick und weniger Meerblick, aber dafür noch ein stück mehr Ausgesetztheit. Nicht zuletzt auch durch die Länge. Nur die Verankerung wurde hier etwas spaßiger. Ich wollte am Cap nur so wenig wie möglich Bohrhaken setzen, da bereits vom Klettern viele ältere unbenutzte Haken überall auf dem Cap verteilt waren und ich gerne so wenige Spuren wie möglich hinterlasse. So beschloss ich auf der einen Seite eine natürliche Verankerung durch Umschlingen eines Felsblockes zu erzeugen und nur auf der anderen Seite zu bohren. Das Umschlingen lief dann eher auf ein „fädeln“ hinaus, da die einzige Möglichkeit darin bestand die Schlinge unter dem Block durch ein etwa 2 cm breiten Spalt hindurch zuschieben. Die lila 1t Schlinge passte dann haargenau. Als Backup dienten 2 bereits vorhandene Haken. Da ich dem Block aber so wenig Spannung wie möglich zumuten wollte bauten wir den AFC ein und spannten zuerst auf rund 600kg um den Block zu testen. Dann liesen wir die Spannung auf rund 350kg ab und es konnte losgehen. Ich schaffte die Line im ersten Versuch, auch wenn es eine eher wackelige Partie war. Nach dem Fullman war ich dann doch sehr erleichtert, dass alles so gut funktioniert hatte. Ich habe einmal mehr gelernt, dass sich das Trainieren auf lockeren Highlines auszahlt. Mit einer höheren Spannung wäre diese Highline sicherlich um vieles gefährlicher gewesen und ich hätte sie nicht machen wollen. Daher kam dann der Name auch recht leicht über die Lippen, „don ́t worry, be slacky“.

Wir sind seit dem noch ein paar Mal zurück gekehrt um die 25m Line zu laufen, da es wirklich nichts vergleichbares für mich gibt. Das neue Verdon! Schade ist wirklich nur, dass das Potential des Caps mit diesen 2 Lines größtenteils ausgeschöpft ist! Aber diese 2 Lines gehören definitiv in meine Hit List der höchsten und gleichzeitig wunderschönsten Highlines.